Tra Nguyen

In der Fülle des Vokabulars

Drei Erzähler*innen machen sich auf den Weg, um über Entfernungen zu sprechen: einer über ein „Beinahe“, eine Neuausrichtung, eine Recherche, eine andere über die physischen Reisen und der Letzte über die Verantwortung gegenüber einer bestimmten Identität. Die drei teilen das Tamilische als Sprache und kulturelles Erbe. Sie versuchen, es in ihrem Leben zu verorten – und damit auch sich selbst; in einer historisch gewachsenen Welt. Dies ist die Performance MY NAME IS TAMIZH: THREE LIVES von Kirutharshan Nicholas, Kavita Srinivasan, Sankar Venkateswaran und Leow Puay Tin.

Die Tamil*innen sind eine moderne Gemeinschaft, der fast 80 Millionen Menschen angehören. Ihre Anfänge sind durch einen intensiven Seehandel gekennzeichnet, der bis nach Indonesien im Osten und Afghanistan im Westen reichte. Während der britischen Kolonialisierung um 1800 verstreute sich die Gemeinschaft nach Afrika, Europa und Nordamerika. Seit der Unabhängigkeit des heutigen Sri Lanka im Jahr 1948 haben große politische und ethnische Konflikte diese ohnehin marginalisierte Gruppe schwer getroffen. Der Brand der Bibliothek von Jaffna 1981 führte zum Verlust von Zehntausenden Büchern und Manuskripten. Es ist eines der Ereignisse, die von Tamilisch sprechenden Menschen am meisten betrauert werden – und bildet den Ausgangspunkt für die Performance.

Das moderne Tamil gilt als die am längsten überlieferte klassische Sprache. Doch welche Bedeutung hat sie in der geistigen Landschaft von heute? Jüngste Erkenntnisse aus dem Gebiet der neuronalen Konnektivität deuten darauf hin, dass der Mensch beim Sprechen verschiedener Sprachen unterschiedliche Charakterzüge ausbildet und Erinnerungen am stärksten in der Sprache geformt werden, in der sie ursprünglich entstanden sind (1). In MY NAME IS TAMIZH: THREE LIVES springen die Figuren zwischen den Sprachen wie zwischen ihren verschiedenen Geschichten und wirken so wie archaische Figuren, deren Erinnerungen in die Gegenwart einsickern und die Darsteller*innen in Auseinandersetzungen hineinziehen, denen sie zwar nicht physisch begegnen, die sie aber umso mehr geistig ertragen müssen.

Wenn man ihnen zusieht, kommt man nicht umhin sich zu fragen, wie es sein kann, dass man durch die Kenntnis von mehr als einer Sprache seine Wortgewandtheit verliert. Sind wir aufgrund unserer Sprache so eingeschränkt, wie Antoine de Saint- Exupéry es hier formuliert: "Um den Sinn der heutigen Welt zu begreifen, benutzen wir eine Sprache, die geschaffen wurde, um die Welt von Gestern auszudrücken. Das Leben der Vergangenheit scheint uns näher an unserer wahren Natur zu sein, aber nur deshalb, weil es unserer Sprache näher ist"?( 2)
Was für eine Zukunft können wir haben, wenn wir entscheiden, uns gegen die Enge der gesprochenen Sprache zu wehren? Oder anders gefragt: Welches Vokabular brauchen wir, um uns in unserer Gegenwart zurechtzufinden?

 

1 “The Power of Language: How the Codes We Use to Think, Speak, and Live Transform Our Minds”, Viorica Marian.

2 “Terre des Hommes”, Antoine Saint-Exupery

 

Über Tra Nguyen

Tra Nguyen ist ehemalige stellvertretende Direktorin von Sàn Art, dem ältesten unabhängigen Kunstraum in Ho-Chi-Minh-Stadt (Vietnam). Seit 2018 initiiert Tra Nguyen „The Run - A Theater Project“, um eine Infrastruktur für experimentelles Theatermachen aufzubauen. In ihren Theaterarbeiten und Workshops setzt sie verschiedene Elemente des Theaters, der Performance und der visuellen Kunst ein, um die Möglichkeiten von Performances zu erkunden. Im Herbst 2023 wird sie als Gastdozentin eine Einführungsklasse für Theater und Performance an der Fulbright-Universität leiten.