Boyzie Cekwana
Zur Auswahl des Programms BIRDS ON PERIPHERIES
Biolog*innen sagen, dass die am Rand fliegenden Vögel die Route des Vogelschwarms bestimmen: Ändern sie die Richtung, folgen die anderen. Die Vögel am Rand sind der Welt am stärksten ausgesetzt. Sie treiben den Wandel voran, sie sorgen für Veränderung. Die in der Mitte des Schwarms Fliegenden sind dagegen das Herz des Systems und absolut blind gegenüber ihrer Umwelt. Sie sind sicht- und machtlos. Mit dieser Beobachtung belegen wir die These, dass die Menschen an vorderster Front der großen Umwälzungen und Strömungen des Lebens unser Verständnis von der Realität prägen, gestalten und verändern.
In einem langwierigen Prozess mit zahllosen, sich über 15 Zeitzonen ziehenden, komplizierten Berechnungen für die Terminierung von Zoom-Meetings, verständigte sich das Team der Ko-Kuratierenden des Programms BIRDS ON PERIPHERIES – Gabriel Yépez Rivera (Mexiko), Virginie Dupray (Portugal), Aurélien Zouki und Éric Deniaud (Libanon), June Tan (Malaysia), Satoko Tsurudome und Sankar Venkateswaran (Indien) – auf die Auswahl und Einladung von Kunstschaffenden, in deren Werk oder Entwicklung sie sich wiederfinden. Sie wählten Künstler*innen, deren Arbeiten und kreative Praxis am meisten von jenem kurzen Augenblick der Sichtbarkeit, des Gesehen- und Wahrgenommenwerdens, am Ende des Festivals in der herbstkühlen Stadt in Bayern, profitieren würden. Entstanden ist so eine Serie von fünf Inszenierungen in diversen Genres, von Tanz über Ritual bis zur Poetry Performance. Die Produktionen werden am letzten Festivalwochenende (31. Oktober – 1. November) in verschiedenen Locations im Kreativquartier präsentiert und von Künstler*innengesprächen und Diskussionsrunden umrahmt.
Salman Rushdie schrieb einst, die Arbeit des Dichters bestünde darin, „das Unbenennbare zu benennen, auf Betrügereien hinzuweisen, Partei zu ergreifen, Streit anzuzetteln, die Welt zu formen und sie vor dem Einschlafen zu bewahren“.
Nichts anderes ist die Auswahl der Kunstschaffenden für BIRDS ON PERIPHERIES: Es ist ein kurzer Moment der Parteinahme. Wer Kunst schafft definiert die eigene Existenz durch das Prisma der Bedingungen, die das Leben stellt. Allzu oft sind diese Bedingungen katastrophal, dramatisch, die Geschichten traurig und düster, in vielen Fällen bleiben sie unerzählt oder werden stillschweigend normalisiert. Die in diese Welten projizierten eindringlichen Bilder tragen tiefe Schatten und sind durchsetzt von den lautlosen Schreien in den wabernden Abgrund einer gleichgültigen Welt. Einer Welt, die vergessen will.
Ähnlich wie die zukunftsorientierten Ausgaben dieses Programms bei früheren Ausgaben des Festivals, das 2021 beispielsweise das MAABARA EXCHANGE THEATRE mit seinem Ensemble junger Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika in SERIES X präsentierte, erkundeten wir für NOTHING TO DECLARE intensiv die künstlerische Landschaft mit dem Wunsch einer Förderung noch jüngerer Kunstschaffender für Bühne, Tanz und Performance. Für die aktuelle Edition hat BIRDS ON PERIPHERIES sieben Ko-Kuratierende eingeladen, in den eigenen Werkzeugkasten zu greifen und das schärfste Instrument herauszuholen, das sich dort findet, um die Zukunft zu gestalten und zu formen.
Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese
Über Boyzie Cekwana
Boyzie Cekwana ist Choreograf, Produzent und Ko-Kurator des SPIELART Festivals München. Er arbeitete als Lehrer, Performer und Choreograf in Süd- und Nordamerika, Europa, Mittlerem Osten, Asien und Afrika. Für zwei Ausgaben der Jomba Dance Experience, einem in Durban ansässigen Festival, hatte er die künstlerische Leitung inne. Zudem kuratierte er Vorhaben für Künstler*innen in der Demokratischen Republik Kongo und in Südafrika. Inzwischen leitet er einen unabhängigen Raum für künstlerische Residenzen in Gqeberha in Ostkap, Südafrika. 2023 zeichnete er als Ko-Kurator des SPIELART Festivals München für das Programm NOTHING TO DECLARE im Kreativquartier verantwortlich.