Boyzie Cekwana
Über das Ko-Kuratieren
Ko-Kurator Boyzie Cekwana zur Praxis des Ko-Kuratierens am Beispiel von BIRDS ON PERIPHERIES.
Gemeinsam sind wir stark… Irgendwo, in den Ruinen der nahen Vergangenheit unseres kollektiven Gedächtnisses, finden sich die Reste des Dorfes, von dem in der englischen Version des einleitenden Mottos die Rede ist: „It takes a village. – Das ganze Dorf muss anpacken! Gemeinsam sind wir stark.“ Wir verstehen Ko-Kuratieren als genau das: als einen Versuch, das Dorf neu zu fügen, unsere Version des Dorfes in unserer Zeit zu rekonstruieren, um die Inspirationen und Mühen der Kunstschaffenden – noch der entferntesten Ecken der Welt – in einem Moment des gemeinsamen Atmens leben zu lassen. Wir ko-kuratieren die Idee der Schönheit – so grotesk sie auch anmuten mag – zum Ausklang eines Festivals.
In einer solchen Setzung steht Ko-Kuratieren für den Versuch, die Konturen der uns aufgezwungenen Tradition, die die Entscheidungsmacht ganz selbstverständlich und exklusiv beim allein agierenden Kuratierenden verortet, zu umschiffen. Bereits in früheren Ausgaben erkundete das SPIELART Festival München Formen des gemeinsamen Kuratierens: Julian Warners Community-Projekt GLOBAL ANGST präsentierte eine Konferenz, gefolgt von einer Parade durch die Stadt; Betty Yi-Chun Chens WHEN MEMORIES MEET zeigte Arbeiten aus Ost-, Südost- und Südasien. Unser aktuelles Projekt BIRDS ON PERIPHERIES geht jedoch noch einen Schritt weiter: Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals wollen wir das Know-how und die künstlerischen Impulse einer ganzen Gruppe von Ko-Kuratierenden für uns nutzbar machen.
BIRDS ON PERIPHERIES will unterschiedliche Denkschulen und verschiedene Varianten kreativer Praxis zusammenbringen. Wir wollen gemeinsam in den Kreis eintreten, ihn kollektiv auf andere Weise denken und ihm zusammen einen neuen Namen geben. Ko-Kuratieren ist Ko-Kreation. Es ist gemeinsames Ausarbeiten und Kooperation mit anderen Mitteln. Wir teilen, enthüllen und destillieren eine geteilte, gemeinschaftlich (oder individuell) gelebte Praxis mit dem Ziel, uns das, was wir noch nicht sehen, was wir jedoch aktuell sichtbar machen wollen, vorzustellen. Ko-Kuratieren handelt von den Nischen im Raum, die wir besetzen, von der Zeit, die wir nutzen, für unsere Fantasien, für die Experimente und – und dies ist das Wichtigste – die wir dem Zuhören widmen. Kuratieren bedingt Zuhören. Ohne Zuhören funktioniert es nicht. Ko-Kuratieren ist im Grunde exakt das, denn die gemeinsame Arbeit am Projekt bedeutet, dass die Menschen im Kreis im gleichen Maß sprechen, sie führen zu gleichen Teilen das Wort und hören zu gleichen Teilen den anderen zu. BIRDS ON PERIPHERIES lädt sieben externe Kurator*innen ein, ein gemeinsames, kollektives kuratorisches Programm zu entwickeln und ist zugleich Aufforderung an das Publikum, großzügig hinzuhören.
Diese Sektion des SPIELART Festivals München wird das am stärksten experimentell geprägte Angebot sein. Das ist unsere Absicht. Wir wollen bewusst dem Experimentieren Raum geben, wir wollen Ideen zulassen, die der Zukunft zugewandt sind und damit elastische Räume schaffen, in denen sowohl Expansionen als auch Kontraktionen kuratorischer Imagination möglich werden.
Vor diesem Hintergrund haben wir entschieden, den kuratorischen Raum weiter zu öffnen, den gemeinschaftlichen Zirkel größer zu ziehen, um über die häufig begrenzte Bandbreite der kodierten kuratorischen Praxis hinauszugehen und das Experiment der kollektiven Fantasie auf den Weg zu bringen. Unsere Einladung zur Realisierung dieser Vision als Ko-Kuratierende der Sektion BIRDS ON PERIPHERIES ging an einen spannenden Mix von Kuratierenden, Produzierenden und Kunstschaffenden: Gabriel Yépez Rivera, Virginie Dupray, Aurélien Zouki, Éric Deniaud, June Tan, Satoko Tsurudome und Sankar Venkateswaran.
Angesichts der zunehmend kritischen geopolitischen und ökonomischen Lage und dem sich daraus ableitenden reduzierten kollektiven Gemeinsinn scheint es heute wichtiger denn je, auf die Einbeziehung vieler verschiedener Stimmen zu bestehen; und sei es nur, um zu garantieren, nicht zu vergessen, dass sich die Geschichten, die wir vor dem sich zuziehenden Himmel einschreiben wollen, aus den multiplen Manifestationen und Artikulationen realer Welten speisen. Plurale Welten. In einer Zeit, in der das Dorf aus der Redewendung dem Erdboden gleich gemacht und via KI repliziert wurde, ohne seine fundamentale menschliche Intuition, konstituiert das Ko-Kuratieren eine neue Zusammensetzung der diversen Parts im Chor, gemeinsamer Gesang, mehrstimmig und doch im Einklang.
Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese